


Otto und Antonia - Teil 3
An demselben Tage, da Otto um einen Urlaub von einigen Tagen nachsuchen wollte, wurde derselbe schon Morgens früh zu Eberhard berufen. "Das paßt sich gerade," sprach Otto zu sich selbst, "da kannst du dein Gesuch gelegentlich vortragen." Allein als er von dem Grafen erfuhr, wovon es sich handle, mußte er mit seiner Bitte um Urlaub auf's neue zurückhalten, da Eberhard ihm einen Auftrag gab, der ihn in einer andern Gegend beschäftigte. Graf Eberhard hatte so eben einen Eilboten von seinem Burgvogt in Achalm mit der Nachricht erhalten, daß der Handelsmann Ansel und dessen Sohn, welche sich in Eßlingen niedergelassen hatten, sich gegenwärtig in Reutlingen befinden, und in der kommenden Nacht nach Eßlingen zurückkehren würden. - Dieser Ansel, ein sehr vermöglicher Handelsmann, war früher Bürger in Cannstatt und Unterthan von Graf Eberhard gewesen. Eberhard war diesem Ansel nie gewogen, denn er war ein stolzer, aufgeblasener Mann, der auf seinen Reichtum sich gar zu viel einbildete, und mit seinem Gelde auf eine unverantwortliche Weise wucherte. Graf Eberhard behandelte ihn deßhalb nicht nur mit vieler Geringschätzung, sondern ließ ihm auch einige Mal wegen Wucher Strafen ansetzen. Hierüber erbittert, beschloß Ansel, in die Reichsstadt Eßlingen überzusiedeln. Da er aber wohl wußte, daß er hiezu die Erlaubnis des Grafen nicht erhalten würde, so trieb er im stillen seine Ausstände ein, verkaufte unter der Hand sein Haus, zog unversehens in stiller Nacht davon, und begab sich nach Eßlingen, wo er bereits das stattliche Haus eines Patriziers angekauft und das Bürgerrecht erworben hatte. Als Graf Eberhard die Entweichung des Ansel erfuhr, wurde er im höchsten Grad aufgebracht und schwur nicht nur ihm, sondern auch der Reichsstadt Eßlingen, welche er so oft vergebens gewarnt hatte, keinen seiner Unterthanen ohne seine Einwilligung in das Bürger- oder Beisitzrecht aufzunehmen, Rache. Die Fehden mit Eßlingen wurden daher immer erbitterter geführt; aber an Ansel sich zu rächen, war für Eberhard nicht leicht, da dieser die Reichsstadt selten verließ und hinter ihren Mauern alle Sicherheit genoß. - Darauf einmal bekam Eberhard die dem Leser bereits bekannte Nachricht von seinem Burgvogt auf Achalm. Schnell wurde nun Otto von Horrheim beordert, mit sechs Gewappneten sich am Abend auf den Weg zu begeben, über die Filder das Neckarthal - etwa in der Mitte zwischen Eßlingen und Plochingen - zu erreichen zu suchen, sich dort in einen Hinterhalt zu legen, die beiden Ansel zu erwarten, gefangen zu nehmen und nach Stuttgart zu führen.
Mit der größten Bereitwilligkeit und vollem Eifer unterzog sich Otto dem Befehle des Grafen. Er hatte mit seinen Kriegern etwa eine halbe Stunde oberhalb Eßlingen eine für seinen Plan sehr zweckmäßige Stellung eingenommen und wartete nun mit Verlangen der Dinge, die da kommen sollten. Nach zwei Stunden ertönte Hufschlag; aber man erkannte bald, daß die beiden Ansel nicht allein kämen, sondern ein Geleite von wenigstens acht Gewappneten bei sich hatten. Dennoch kommandierte Otto muthig zum Angriff, als sie näher herangekommen waren. Er selbst stürmte auf die beiden Ansel mit Ungestüm los, während seine sechs Begleiter sich auf die acht Bewaffneten warfen. Heftig war der Kampf zwischen Otto und dem jungen Ansel, welch Letzterer in der Waffenführung wohl erfahren war. Indessen suchte der alte Ansel in der Flucht sein Heil und war schon glücklich in die Nähe von Eßlingen gekommen. Otto verließ schnell seinen Gegner und folgte dem alten Ansel; doch auch der Sohn eilte nach, dem Vater Hilfe zu bringen, während die beiderseitigen Bewaffneten den Kampf auf dem Platze, wo sie zusammengestoßen waren, hartnäckig fortsetzten. Bereits hatte Otto den älteren Ansel zum Gefangenen gemacht, als der Sohn heranstürmte und sich auf Otto losstürzte. Es entbrannte nun der furchtbarste Kampf, der mit dem Sturz des jungen Ansel endete, welchem das Blut aus vielen Wunden hervorströmte. Aber auch Otto sank verwundet vom Pferd. Auf den Hilferuf des älteren Ansel waren einige seiner Knechte, die im Thore auf die Ankunft ihres Herrn gewartet zu haben schienen, herbeigeeilt, und Ansel befahl, die beiden Verwundeten in seine Wohnung zu bringen. Als sie aber dort ankamen, hatte der junge Ansel bereits sein Leben ausgehaucht. Fürchterlich wüthete der Vater gegen Otto, als er die Leiche seines Sohnes erblickte. - "Du bist ein Mörder!" schrie er, und seinen Knechten gab er den Befehl, den Verwundeten sogleich in das feste Gefängniß neben dem Keller zu bringen, und schwur, schwere Rache an dem Mörder seines Sohnes zu nehmen. Des Herrn Befehl wurde vollführt, und Otto lag nun auf einem Haufen Stroh in einem Gefängniß, das von festen Mauern umgeben war. Seinen Knechten aber gebot Ansel, tiefes Schweigen zu bewahren über Alles, was geschehen, und durchaus nichts davon laut werden zu lassen, daß sich ein fremder Ritter in seinem Gewahrsam befände. - Indessen hatten Otto's Begleiter die Reutlinger Schutzwehr der beiden Ansel vollständig besiegt und in die Flucht geschlagen; als sie sich aber nach ihrem Anführer umsahen, war er nirgends mehr zu finden. Vergeblich war alles Suchen und Forschen und erst, als der Tag anbrach, ritten sie Stuttgart zu, um dem Grafen Bericht zu erstatten über den traurigen Verlauf ihres nächtlichen Zuges.
Otto, der eine starke Wunde am Kopf und auf der Brust erhalten hatte, war im Kerker wieder zum völligen Bewußtsein gekommen und erkannte das Mißliche und Gefährliche seiner Lage. Er kannte die böse, heimtückische und rachsüchtige Natur des alten Ansel nur zu gut, um nicht das Schlimmste befürchten zu müssen. Schrecklich war für ihn der Gedanke, daß der junge Ansel vielleicht todt sei. Er hatte dessen Tod gar nicht beabsichtigt, sondern sich zuletzt nur noch um sein eigenes Leben gewehrt, da Ansel immer heftiger auf ihn eingedrungen war. Endlich bedeckte ein wohlthätiger Schlaf seine müden Augenlider und erst spät am Morgen erwachte er wieder, aber nur um das Schreckliche seiner Lage jetzt in ihrem ganzen Umfange zu erkennen. In seinem von festen, dicken Mauern umgebenen Gefängnisse erblickte er nun eine Öffnung, durch welche ihm so eben Wasser und Brod herabgelassen wurde; zugleich aber auch hörte er auch aus dem Munde des alten Ansel die schrecklichen Verwünschungen und Flüche und die Drohung, daß er - der Mörder seines Sohnes - nie mehr das Licht der Sonne erblicken, sondern in diesem Kerker langsam dahinschmachten solle. Und so wiederholte es sich jeden Morgen; so oft ihm Brod und Wasser herabgelassen wurde in den finstern, feuchten Keller, so oft ertönten auch die Verwünschungen und Flüche des rachsüchtigen Vaters. Welche Pein für den, durch seine Wunden noch geschwächten Jüngling, der sich nichts vorzuwerfen, sondern, was er gethan, im Dienst und auf Befehl seines Herrn getan hatte! Nur manchmal - oft nach langer Unterbrechung - ward ihm eine warme, kräftigere Speise zu Theil, und zwar jedes Mal, wenn er die Stimme des Ansel nicht vernahm, woraus er schloß, daß dieser abwesend seie und irgend eine Seele im Hause doch Mitleid mit ihm habe. Oft erhob er sich, während Ansel oben beschäftigt war, Wasser und Brod herabzulassen, seine Stimme und bat um Erbarmen, da er ja doch nur den Befehl seines Herrn vollzogen und den Tod seines Sohnes durchaus nicht beabsichtigt habe; allein sein Flehen blieb ohne Erfolg, und Woche um Woche, Monat um Monat verging, ohne daß sein Schicksal sich änderte. Der Gedanke an Antonie war zu Beginn seiner Kerkerhaft oft ein Trost gewesen, und stundenlang hatte er in der Erinnerung an sie sein Leiden vergessen; aber jetzt, da seine Hoffnung auf Befreiung immer schwächer wurde, jetzt dachte er mit Schrecken an sie. "Habe ich ihr nicht versprochen," so sagte er, "vor Ablauf ihrer zwei Novizenjahre unter allen Umständen wieder zu kommen und ihr Herz und Hand anzubieten? - Wie, wenn meine Einkerkerung noch länger dauern sollte? Wenn der Termin verstrichen und Antonie nun ihr Gelübde als Nonne ablegen würde?" Quälende Gedanken! - Am nächsten Morgen bat er wieder um seine Freilassung, und wieder vergebens.
Graf Eberhard II. gab sich indessen alle Mühe, über das Schicksal Otto's nähere Auskunft zu erhalten, allein alle Nachforschungen waren umsonst; man glaubte endlich allgemein, er hätte bei jener nächtlichen Expedition den Tod gefunden, und sein Leichnam seie wahrscheinlich in den Neckar geworfen worden.
Auch nach Horrheim kam endlich die Nachricht von dem traurigen Verschwinden Otto's und versetzte die Eltern, sowie Antonie, die durch die alte Amme Otto's, Margaretha Trippel, immer erfuhr, was im elterlichen Hause vorging, in tiefe Trauer. Ludwig von Horrheim jammerte: "Warum habe ich meinen Sohn zu dem Wirtenberger ziehen lassen? Hatte ich doch niemals Vertrauen zu ihm!" Und Antonie war bleich geworden. Alle Lebenslust war von ihr entwichen, und alle Hoffnung hatte sie verlassen. "Er ist todt" - sprach sie, - "er ist todt, ach! und auf welch' schreckliche Weise!". Und immer näher rückte der Schluß ihrer Novizenzeit herbei. Betrübt, beinahe gefühllos ging sie der Zukunft entgegen, und war nirgends lieber als im Garten - an der Stelle, wo sie Abschied von ihm genommen hatte. "Ist Otto todt," sagte sie zu ihrer vertrauten Margaretha, "so ist ja das Kloster der beste Aufenthalt für mich; ich habe dann nichts mehr zu thun, als zu trauern." Und doch regte sich manchmal noch ein Funke von Hoffnung in ihr, wenn sie an seine Worte dachte, unter allen Umständen vor Ablauf zweier Jahre wieder zu kommen und ihr Herz und Hand zu bieten. Aber als das zweite zu Ende ging, da sagte sie nochmals traurig: "Er ist todt!" Und als die Tante ihr endlich ankündigte, daß der Tag anberaumt seie, an welchem ihre Einkleidung als Nonne erfolgen solle, da gab sie fast willenlos, zwar unter Thränen, aber doch gefaßt ihre Zustimmung.
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