


Otto und Antonia - Teil 4
Durch einen Knecht, der dem reichen Ansel in Eßlingen entlaufen war und eine Unterkunft in Stuttgart gefunden hatte, wurde es endlich ruchbar, daß Ansel einen Dienstmann Eberhards in einem Kerker seines Hauses gefangen halte, und dieß Gerücht kam bald auch vor die Ohren des Grafen. Gerade zu dieser Zeit rüstete sich Eberhard wieder zur Züchtigung der Reichsstadt Eßlingen und beschloß, bei dieser Gelegenheit jener Sage genau auf den Grund zu spüren. - Es war nämlich von Kaiser Karl IV. im Jahre 1356 mit Zuziehung der Reichsstände zu Nürnberg ein neues Reichsgesetz gegeben worden, welches unter dem Namen "der Goldenen Bulle" bekannt wurde und in dreißig Hauptstücken die Rechte der Kurfürsten, die Ordnung der Kaiserwahl und der Krönung, die Reichs-Erzämter und anderes bestimmte, auch wegen den gegenseitigen Befehdungen und zu ihrer Beschränkung einige Verordnungen enthielt. Besonders aber wurde darin den Städten verboten, fürderhin Unterthanen von Landesherren zu Bürgern aufzunehmen, weil diesen dadurch großer Schaden geschah, indem solche Leute alsdann sich nicht mehr zum Gehorsam gegen sie für verpflichtet hielten. Hiedurch entstand große Unzufriedenheit bei den Städten, indem sie meinten, das seie eine Beschränkung ihrer Freiheit. Zu Eßlingen kam es sogar in des Kaisers Anwesenheit im Wintermonate 1360 zu einem Auflaufe, vor dem sich Kaiser Karl durch den Garten des Barfüßer-Klosters in das wirtenbergische Gebiet flüchten mußte. Erzürnt bot er nun das Reichsheer auf, die Stadt zu züchtigen, und Eberhard sollte hiebei den Oberbefehl führen. Mit großer Freude ergriff dieser die angebotene Gelegenheit zur Rache an den Städten, Eberhard zog zuerst gegen Eßlingen, schloß die Stadt ein und nöthigte die Einwohner, um Gnade zu bitten. Eberhard gewährte ihnen diese unter der Bedingung, daß sie dem Kaiser zur Sühne sechzigtausend, ihm aber zum Kostenersatz vierzigtausend Gulden bezahlten. Als Nebenbedingung verlangte er die Auslieferung des von Ansel auf unrechtmäßige Weise in Gefangenschaft gehaltenen Otto von Horrheim und einen Schadenersatz für diesen von dreitausend Gulden. Die Reichsstadt Eßlingen hatte keine andere Wahl, als diese Bedingungen einzugehen; auch Kaufherr Ansel, der sich verrathen sah, wurde genötigt, den Gefangenen herauszugeben und - so sehr er sich auch sträubte - die von Eberhard angesetzten dreitausend Gulden zu bezahlen, was für jene Zeit eine sehr bedeutende Summe für einen Privatmann war.
Wie sehr staunte Otto, der bereits alle Hoffnung auf Befreiung aufgegeben hatte und sich nur einen schnellen Tod gewünscht hatte, als in früher Morgenstunde sein Kerker sich öffnete, er vor die Stadt hinausgeführt und dem Grafen Eberhard übergeben wurde. Ein unbeschreiblicher Jubel tönte ihm von seinen vormaligen Kriegsgenossen entgegen und auch Eberhard empfing den bleichen jungen Mann, der so viel für ihn gelitten hatte, mit unverkennbarer Freude. Als er dem Grafen die Geschichte seiner Gefangenschaft ausführlich erzählt hatte, gab dieser im Angesichte der jubelnden Menge dem bisherigen Knappen den Ritterschlag, nahm seine goldene Kette vom Halse und hing sie ihm mit eigenen Händen um und verkündete ihm sogleich, daß dreitausend Gulden als ein kleiner Schadenersatz für ihn bereit liegen. Otto wußte nicht, wie ihm geschah; erst nach und nach konnte er sein Glück fassen, und jetzt erst fand er Worte, um dem Grafen seinen innigen Dank auszudrücken. Als Eberhard aber bemerkte, daß die Gesundheit Otto's durch seine lange Gefangenschaft gelitten hatte, so gewährte er demselben auf dessen Bitte einen längeren Urlaub, und verabschiedete denselben mit dem freundlich ausgesprochenen Wunsche, ihn sobald als möglich wieder bei sich zu sehen, da der tapfere Ritter so sehr benötigt seie.
Zwei Jahre und sechs Wochen waren verschwunden, seit Otto Abschied von seinen Lieben in der Heimath genommen hatte. Groß war seine Sehnsucht, dieselben wieder zu sehen, und je näher er der Heimath kam, desto mehr trieb er sein Pferd zu hastiger Eile an. Bald lag die Eselsburg vor ihm, und einige Augenblicke schwankte er, ob er nicht den Grafen von Vaihingen zuerst mit einem Besuch überraschen sollte; aber die kindliche Liebe trug den Sieg davon. Er eilte rasch vorwärts, und in wenigen Minuten sah er seine Vaterstadt vor sich liegen, in wenigen Minuten war er vor dem ritterlichen Hause abgestiegen. Drinnen saß der alte Ludwig von Horrheim traurig und niedergeschlagen in seinem Lehnsessel und dachte an seinen Sohn und an dessen trauriges Schicksal, und machte sich, wie alle Tage, so auch jetzt wieder in seinem Innern die bittersten Vorwürfe darüber, daß er denselben veranlaßt habe, die Heimath zu verlassen, ja - er klagte sich als die Ursache seines Todes an. Horch, da vernimmt er das Klirren von Sporen und wohlbekannte Tritte auf der Treppe! Er erhebt sich und geht langsam, aber erwartungsvoll der Thüre entgegen. Diese öffnet sich und - welcher Anblick für den traurigen Vater! - der verloren- und totgeglaubte Otto steht leibhaftig da; zwar bleich und abgemagert, aber mit freundlichen Blicken streckt er dem überraschten, zitternden Vater die Arme entgegen, und Vater und Sohn weinen Freudenthränen, Einer in des Andern Armen.
Indessen kommt die Mutter herbei, sieht zu ihrem größten Erstaunen den so schmerzlich beweinten Sohn in des Vaters Armen und mit lautem Frohlocken schließt sie ihr geliebtes Kind an die Brust und ruft mit einem Jakob: "Nun will ich gern sterben, daß ich dein Angesicht noch einmal gesehen habe!" Die Sprache ist zu arm, um alle die Gefühle und Empfindungen zu beschreiben, welche Vater, Mutter und Sohn in dieser schönen Stunde des Wiedersehens durchströmten und beglückten. Bald wußten die Eltern Otto's ganzes Schicksal. O, wie weinte die Mutter so herbe Tränen, als der Sohn ihr sein bitteres Los im Kerker erzählte. O, wie glänzte des Vaters Auge so froh und stolz, als er die goldene Kette am Halse des Sohnes betrachtete. Die Ritterwürde war die höchste kriegerische Auszeichnung während des ganzen Mittelalters; Ludwig hatte sie nicht erhalten, aber sein sehnlichster Wunsch war erfüllt, sein Sohn zum Ritter emporgestiegen, und von einem tapferen Fürsten dazu ernannt. Das galt ihm mehr als jene bedeutende Summe, von der ihm der Sohn erzählte, daß sie bei Eberhards Rentmeister für ihn bereit läge, obgleich diese Summe völlig hinreichend war, eine Burg sammt einem Dorfe dazu als Eigenthum zu kaufen. Auch hatte sich Ludwig ganz mit dem Grafen Eberhard ausgesöhnt, dem er jetzt alles Gute wünschte.
Froh schwand die erste Stunde des Wiedersehens dahin, aber nun konnte sich Otto - da seine Eltern keine Sylbe von Antonien berührten - nicht länger halten, nach ihr zu fragen. Aber mit dieser Frage war auf einmal alle Freude von der Eltern Angesicht verschwunden, und verlegen sahen sie einander an. Otto ahnte, daß etwas Trauriges geschehen sein müsse, und fragte unwillkürlich: "Sie ist doch nicht todt?" Sein Vater ermannte sich aus seiner Verlegenheit und antwortete: "Otto, sei ein Mann und höre mit Ergebung in den Willen Gottes, was ich dir zu sagen habe! Antonie ist nicht todt, sie lebt, aber ist seit gestern - eingekleidet, seit gestern eine Braut des Himmels, und nun für Dich verloren. Mit großem Schmerze gebe ich Dir diese Nachricht, sie ist unschuldig, sie hielt dich für todt, sie trauerte tief um Dich, und da sie keine Hoffnung mehr hatte, gab sie dem Willen ihrer Tante nach. Ach, gestern, erst gestern ging sie für Dich verloren." Otto fiel fast bewußtlos in den Lehnsessel seines Vaters und bedeckte lange mit den Händen das Gesicht. Endlich fand er Worte für seinen Schmerz. "Nun ist Alles verloren," sprach er, "da ich Antonie verloren habe! Als ich meine Freiheit erhielt, freute ich mich derselben wegen ihr; als mir Graf Eberhard die Ritterwürde verlieh, legte ich einen hohen Werth darauf, ach, nur wegen ihr; - o, nun sie für mich verloren ist, ist auch Alles verloren, Alles - alles für mich dahin!"
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