


Otto und Antonia - Teil 5
Mehrere Tage brachte Otto in einer geistigen und körperlichen Erschlaffung hin, verließ sein Zimmer nicht und fand nur im Umgang mit seiner alten Amme, Margaretha, einige Beruhigung und einigen Trost. Von ihr erfuhr er den harten Seelenkampf, den Antonie bestanden; von ihr hörte er, wie sie die Hoffnung nicht ganz habe sinken lassen, so lange auch noch ein Tag von den zwei bestimmten Jahren übrig geblieben, wie sie aber zu zweifeln angefangen, als das dritte Jahr begonnen, und nun oft gesagt habe: "Er ist nicht mehr unter den Lebenden, sonst hätte er sein Wort gehalten." An eine Gefangenschaft habe Niemand gedacht. Nun habe es Antonie es endlich für Pflicht gehalten, ihrer Tante Gehorsam zu leisten, ja - sie habe dadurch gerade ihre Liebe zu Otto auch nach seinem Tode bethätigen wollen, indem sie der Welt völlig entsage. "Ach," jammerte Margaretha, "wie bang ist mir auf einen Besuch bei ihr! Welcher Schlag für sie, wenn sie hört, daß Otto noch lebt und durch mich so unglücklich geworden ist." - "Sage ihr Nichts von mir," befahl Otto, "bis ich dir den Auftrag dazu gebe; überhaupt wünsche ich, daß Du nicht nach Rechenshofen gehest, bis ich dir Weiteres gesagt habe." Margarethe versprach, Alles thun zu wollen, was Otto verlange.
Am kommenden Tage mußte Otto den Grafen Heinrich auf der Eselsburg besuchen. Freundlich ward der Leidende von dem Leidenden aufgenommen. Graf Heinrich lebte wie ein Einsiedler. Die einzige Schwester Mechtilde, verheirathet an den Grafen von Zollern, war im Verdruß von ihrem Bruder geschieden, wegen des im Anfang der Erzählung berührten Vermächtnisses an den Grafen von Wirtenberg, und noch war der Friede unter den Geschwistern nicht wieder hergestellt. Es schien, als litt Graf Heinrich an demselben Herzweh, wie Otto von Horrheim. Er war - wie man sagte - in Folge einer unglücklichen Liebe unverheirathet geblieben und der letzte seines Stammes. Überhaupt schien seit dem unglücklichen Morde, den Graf Konrad, der Vater Heinrichs, an Ulrich von Bromberg im Jahre 1338 in der Vaihinger Burg verübte, ein finsteres Geschick auf der Familie zu ruhen. Wohlthätig war daher der Besuch Ottos für den Einsamen, und bald hatten sich beide recht herzlich an einander angeschlossen. - Oft schaute Otto aus den hohen Burgfenstern hinüber auf das nahe Rechenshofen; - aber wie ganz anders, als bei seinem letzten Besuche auf der Burg! Damals lebten die schönsten Hoffnungen in seinem Herzen, jetzt waren sie alle zertrümmert. Noch lag das Kloster in demselben hellen Sonnenschein vor ihm, aber Antonie, die er damals im Geiste die Seinige nannte, war jetzt für ihn todt. Und doch tönte eine Stimme aus seinem Innern heraus:
"Noch einmal muß ich vor ihr stehn,
noch einmal ihr ins Auge sehn,
so lieb und klar!"
Doch aus seinen Träumen weckte ihn Graf Heinrich mit der Nachricht, daß ein weiterer Besuch zu erwarten sei, indem so eben ein Ritter den Burgberg heraufreite. Bald wurde zur größten Überraschung Otto's der Ritter Rudolph von Roswag, Antoniens Vater, angemeldet und vom Grafen in Gegenwart Otto's empfangen. Freundlich begrüßte der Ritter die beiden Anwesenden, und als Graf Heinrich ihm Otto von Horrheim vorgestellt hatte, umarmte der Ritter von Roswag diesen auf's Liebreichste, gratulirte ihm zur kürzlich empfangenen Ritterwürde und erklärte, daß er gerade von Horrheim komme, um Otto, den er nicht zu Hause getroffen, hier aufzusuchen, da er Dinge von Wichtigkeit mit ihm zu verhandeln habe. Nachdem Graf Heinrich Mehreres über die mit dem Herzog von Österreich gemachten Feldzüge mit ihm gesprochen, verließ er das Zimmer, und die Ritter Rudolph und Otto waren nun allein. "Endlich sehe ich dich wieder, den Sohn meines liebsten Jugendfreundes, den Jugendgenossen meiner geliebten, unglücklichen Antonie; sei mir noch einmal gegrüßt! Ich komme vom Kloster, von ihr, ach, und bin zu spät gekommen! Wohl bewahrte ich die Zeit, in der ihre Novizenjahre zu Ende gehen würden, treu in meinem Gedächtniß, aber im Drange der Kriegsereignisse konnte ich erst einige Wochen später abkommen, um meine Tochter aus dem Kloster abzuholen und sie als Ehrenfräulein zu der Herzogin von Österreich zu führen. Nie dachte ich daran, meine Tochter ganz dem Kloster zu widmen: als Novize sollte sie so lange bei meiner Schwägerin, der Äbtissin, verweilen, bis sie das Alter erreicht hätte, um als Ehrenfräulein bei einer Fürstin eintreten zu können. Das war mein Plan für sie, - und nie dachte ich daran, daß man meine Tochter ohne meine Einwilligung als Nonne einkleiden werde. Auf den Flügeln der Liebe und Sehnsucht bin ich hieher geeilt, ach, und finde das liebe, sonst so lebensfrohe Kind als Nonne; finde sie in Thränen, in Verzweiflung, denn gerade hatte sie erfahren, daß du noch lebest und in der Nähe seiest. Sie hat mir euer Verhältniß enthüllt, ihr Herz voll Liebe und Anhänglichkeit für dich aufgedeckt und ich habe ihren Gefühlen beigestimmt, denn ich kenne Dich ja von Jugend auf und gestehe Dir gerne, daß ich schon früher oft mit Freude daran gedacht habe, Dich und Antonie als ein Ehepaar zu sehen. Und jetzt soll das arme Kind im Kloster sein Leben verkümmern und seine jungen Tage vertrauern! O, das Herz möchte mir zerspringen! Ich habe meiner Schwägerin die bittersten Vorwürfe gemacht, daß sie mit der Ablegung des Gelübdes so sehr geeilt und nicht abgewartet habe, bis ich meine Einwilligung dazu gegeben, ich habe ihr gesagt, wie sie durch ihre Eile mein einziges Kind grenzenlos unglücklich gemacht; - allein - das will sie durchaus nicht zugeben; vielmehr glaubt sie, Antonie habe das beste Theil erwählt, sie werde zwar einige Wochen traurig sein, allein es werde bald besser gehen und für die Zukunft sei es nun in jeder Hinsicht für sie am besten gesorgt. Ich nahm darauf einen ziemlich kalten Abschied von meiner Schwägerin, meiner Tochter aber habe ich im Stillen gesagt, daß ich alle in meiner Gewalt stehenden Mittel anwenden würde, um sie vom Kloster los zu machen, sie solle sich mit Geduld indessen in die Umstände fügen und die Hoffnung nicht aufgeben. Vom Kloster aus kam ich nach Horrheim. Dort erfuhr ich von deinen Eltern alles Weitere, Deine Gefangenschaft, Deine Befreiung, Deine Erhebung zum Ritter, Deine Trauer um Antonie. Und wenn nun Alles so ist, wie ich höre, so bin ich fest entschlossen, Alles daran zu wagen, um Antoniens Gelübde wieder zu lösen. Graf Eberhard, zu dem ich mich jetzt begebe, wird mir ein Zeugniß von den besonderen Verhältnissen, in denen Du Dich als Verlobter Antoniens, zur Zeit der Einkleidung, befandest, nicht versagen, der Bischof von Speyer ist ein vertrauter Freund von mir, und die Herzogin von Österreich, denen beiden ich kürzlich das Leben gerettet, ist eine nahe Verwandtin des Papstes, und so bin ich nicht ohne Hoffnung, daß dieses Klostergelübde, das ohne des Vaters Willen eingegangen wurde, auch wieder gelöst werde. Darum lasse auch Du Deine Hoffnung nicht sinken, mein Otto! Mache dich wieder fort zu Eberhard, und binnen eines Vierteljahrs sollst du Weiteres von mir hören."
Je länger der Ritter Rudolph sprach, desto mehr schwanden die Falten des Trübsinns, die Otto's Stirne umlagert hatten, desto leichter wurde ihm um's Herz. Und als er geendet, - wie innig dankbar war er ihm für seine väterliche Sorgfalt und für die liebevollen Gesinnungen, die derselbe gegen ihn an den Tag gelegt. Nachdem Ritter Rudolph von Roswag auch noch gegen den Grafen Heinrich in dieser Beziehung sich offen ausgesprochen und den Beifall desselben erhalten hatte, schied er, um sich nach Stuttgart an das Hoflager Graf Eberhards II. zu begeben. Schon am dritten Tage folgte ihm Otto nach, und widmete sich dem Dienste Eberhards mit neuem Eifer und mit den Gefühlen der Dankbarkeit. Zwar waren die Streitigkeiten mit den Reichsstädten für den Augenblick beigelegt, aber da Eberhard zu dieser Zeit auch die Landvogtei in Niederschwaben erhielt, und von Jahr zu Jahr bedeutende Erwerbungen machte, so hatte er immer Beschäftigung für seine Ritter und Mannen, und so ging auch dem Ritter Otto ein Vierteljahr schnell herum, obwohl er jeden Tag an die fernere Entwicklung seines Schicksals sehnsuchtsvoll dachte.
Schon vier Monate waren verschwunden, seit Rudolph von Roswag abgereist war, und bereits fing Otto an, an dem Erfolg seiner Bemühungen zu zweifeln. Eines Morgens ließ ihn aber Graf Eberhard II. zu sich rufen, gab ihm einen schriftlichen Auftrag an den Grafen Heinrich von Vaihingen und befahl ihm, denselben sogleich zu besorgen. Gedankenvoll ritt Otto seines Weges dahin und dachte an Antonie und ihren Vater. Mittags schon war er auf der Eselsburg. Er wurde sogleich vorgelassen, aber - welche Überraschung! - als er die Thüre geöffnet, sah er den Ritter von Roswag und Antonie an seiner Hand auf sich zukommen, und hinter ihnen winkten ihm Vater und Mutter freundlich zu. "Antonie ist frei", sprach Rudolph, "sie ist durch den Machtspruch des Papstes von ihrem Gelübde entbunden. Hast Du Deine Liebe und Treue ihr bewahrt, so empfange sie aus meiner Hand zur Gattin!" Sprachlos lagen die Liebenden sich in den Armen. Alle Leiden der Vergangenheit waren vergessen und Eltern and Kinder weinten Freudenthränen. In der Pergamentrolle, die Otto von Horrheim dem Grafen Heinrich von Eberhard II. zu übergeben hatte, war bestimmt, daß die Burg Neu-Roswag dem Ritter Otto von Horrheim bis auf Weiteres zu seiner Wohnung angewiesen sei. In der Kirche in Horrheim wurden die Liebenden nach einigen Tagen getraut worauf sie die neue, schöne Burg in Roswag bezogen, wo ihnen viele glückliche Stunden schlugen. Doch dauerte ihr Aufenthalt in Roswag nur kurze Zeit. Heinrich, der letzte Graf von Vaihingen, starb schon nach einem halben Jahre, worauf Graf Eberhard II. von Württemberg Otto mit der Eselsburg und den dazu gehörigen Städten und Dörfern belehnte. Otto zog mit seiner geliebten Antonie auf die ihnen so liebe Eselsburg und verlebte auch hier glückliche Jahre, die nur durch den Tod seiner Eltern und des Vaters seiner Frau getrübt wurden. Dem Grafen Eberhard II. aber stand er in allen seinen Kriegen gegen die Reichsstädte und den Adel treu zur Seite, zeichnete sich besonders in dem blutigen Treffen bei Altheim auf der Alp, im Jahre 1372, in der Schlacht bei Reutlingen, im Jahre 1377 und in der Schlacht bei Döffingen, im Jahre 1388 durch seine Tapferkeit aus, und erwarb sich hiedurch Eberhards Liebe und Achtung in immer höherem Grade. Da ihm aber in seiner Ehe nur zwei Töchter geboren wurden, so blieb er der letzte vom adelichen Geschlechte von Horrheim, welches schon im 12. Jahrhundert geblüht hatte. Im Kloster Rechenshofen, dem Otto und Antonie manche fromme Spende zuwendeten, fanden sie spät - nach wohl vollbrachtem glücklichem Lebenslaufe, ihrem Wunsche gemäß - ihre letzte Ruhestätte: Otto, der letzte Herr von Horrheim, im Chore der Klosterkirche neben dem Sarge des letzten Grafen von Vaihingen, Antonie auf dem Kirchhofe der Nonnen der an der Stelle lag, wo jetzt der Sommergarten der Gutspächter Staudt vor dem Wohnhause desselben sich befindet. Ihr Andenken blieb lange im Segen.
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